Mobiler Malraum e.V.
 

Till Schilling

Ausnahmezustand. Mit dem „Mobilen Malraum“ in Kriegsgebieten
Auszug aus dem Handbuch Kunstschulen des Bundesverband der Kunstschulen


 

Jugendkunstschulen vermitteln kulturelle Bildung, diese beinhaltet soziale, soziokulturelle, kooperative und integrative Aspekte, dadurch wirkt Kunst tief in die Gesellschaft hinein und gestaltet die Zukunft mit. Im langjährigen Umgang mit Kindern aus Krisen- und Kriegsgebieten reifte in mir der Gedanke, über die Angebote unserer Kunstschule hinauszudenken und zu jenen Kindern zu gehen, die nicht zu uns kommen können.                   Die Initiative zu diesem Projekt ergriff ich, als 2016 ein Kunstverein vom Bodensee anfragte, ob es für unsere Kunstschule möglich wäre, mit einem kleinen Budget ein Projekt für Kinder in der Geflüchtetenunterkunft Uhldingen-Mühlhofen durchzuführen.                                                                                                                                                      Die erste Malaktion war für die teilnehmenden Kinder ein Fest, das Projekt war ein Riesenerfolg, für die begleitende Sozialarbeiterin und mich jedoch ein ziemliches Desaster, denn anschließend mussten die Räume in stundenlanger Arbeit gereinigt und gestrichen werden. Nun feilten wir an der Umsetzung und entwickelten eine Struktur, aus der sich den Kindern ohne große Erklärungen erschloss, wie sie die angebotenen Utensilien einsetzen können. Dadurch entstand ein reibungsloser Ablauf.                                                                                                                         Wir deponierten den Malbedarf in der Unterkunft, später baute ich einen leicht zu transportierenden Marktanhänger mit ausklappbaren Seiten zu einem Pop-Up-Atelier um, ausgerüstet mit Tischen, Staffeleien und allem nötigen Zubehör. Im Handumdrehen war alles ausgepackt, ein Tisch mit einem Dutzend Farbtöpfen und Pinseln bereitgestellt: der „Mobile Malraum“ war geboren.                                                                                                              Das pädagogische Konzept ist auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt. Frei von jeglichen Zwängen, weit weg von Sorgen und Traurigkeit können sich die Kinder kreativ ausleben. Der „Mobile Malraum“ ist ein Ort der Ruhe und des In-sich-Kehrens, des Spielens, des Miteinanders, das Malen ist frei, ohne Vorgaben, ohne Einmischung Erwachsener. Die große Stärke des „Mobilen Malraums“ ist es, Gefühle, Gedanken und Stimmungen unmittelbar auszudrücken, sichtbar zu machen, in Bildern festzuhalten. Kontakte entwickeln sich, auch über die Malnachmittage hinaus. Die Idee vom gemeinsamen Essen kam hinzu, es ist mittlerweile üblich und den Kindern wichtig.                                                                                                                                                                                                                Das Konzept funktionierte und schnell war klar, dass der „Mobile Malraum“ in Uhldingen-Mühlhofen kein befristetes Projekt sein konnte, da so viele Kinder mit großer Begeisterung am wöchentlichen Malen teilnahmen. Der Malraum sollte reisen und wo er begonnen wurde, fortgeführt werden. Inzwischen findet er an mehreren Standorten in Süddeutschland in Geflüchteten- und Obdachlosenunterkünften und in Erstaufnahmestationen wöchentlich statt.

Die Finanzierung in Deutschland erfolgt durch Spenden, Landes -und Bundesmittel und Stiftungsgelder, die Arbeit wird durch das Engagement vieler Helfer*innen möglich und durch Partner*innen vor Ort unterstützt, auch durch Gemeinden, Landkreise, das Rote Kreuz und Betreiberfirmen wie die ORS, diese vermitteln den Zugang zu den Zielgruppen. Die Organisation verlangt viel Aufwand, dennoch bleiben stets die Kinder im Fokus.

Es lag auf der Hand, dass die bedürftigsten Kinder nicht in den Unterkünften hier in Deutschland leben, sondern in den unvorstellbar großen Camps an den Außengrenzen Europas.                                                                                         Unser Anliegen war es, diese Kinder, weit ab vom uns selbstverständlichen Wohlstand, in oft aussichtslosen Lebenssituationen, mit dem Malraum aufzusuchen und ihnen positive Erlebnisse zu ermöglichen, Farben in ihr Leben zu bringen, symbolisch und ganz konkret, ihnen ein unbeschwertes Malen zu ermöglichen. Gemeinsam mit der Künstlerin Lucia Thanner beschloss ich, mit dem „Mobilen Malraum“ in diese Camps zu reisen. Dann kam 2021 die Anfrage der österreichischen NGO „Karawane der Menschlichkeit“, sie zu Hilfsprojekten in den Libanon zu begleiten. Nach einem Telefonat mit dem Initiator Pascal Violo stand fest, dass der richtige Partner für unser Projekt gefunden war.


 

Libanon / Irak 2022

Die Reisevorbereitung dauerte ein halbes Jahr. In dieser Zeit wurden durch Presse, Spendenportale wie „Betterplace“, über Social-Media und Anschreiben Geld- und Sachspenden akquiriert. Fracht- und Zollformalitäten wurden erledigt und das Material akribisch vorbereitet. In den Libanon war der Transport nur per Luftfracht möglich, die Einfuhr von Nassfarben war jedoch ausgeschlossen. Wir nahmen Zutaten mit, um Farben vor Ort zu produzieren, gespendet von namhaften Farbenherstellern wie der Farbmühle Kremer.                                                     Die Luftfrachtkiste fertigte ich so, dass sie nach der Ankunft sofort einsatzbereit war. Die Maße wurden auf im Libanon und im Irak übliche Mietwagen abgestimmt. In der Kiste befanden sich 60 Staffeleien, 60 Malbretter, 150 Malkittel, 300 Pinsel, ein Maltisch, 60 qm Malerfilz, 10 Rollen Kreppklebeband, Farbbehälter, 1000 Blatt A3-Papier, Ersatzteile und Werkzeug für Reparaturen und eine Achse mit stabilen Schubkarrenrädern, die unter die Kiste montiert, um den Transport in abgelegene Gegenden zu ermöglichen.                                                                                    Der Anfang unserer Reise führte uns nach Beirut, Sabine Gerstenmayer, Anja Kocher und ich besuchten das palästinensische Ghetto Shatila, ein Flüchtlingscamp, eine Stadt in der Stadt. Hier leben auf ca. einem Quadratkilometer fast 30.000 Menschen. Wir malten in einer von der „Karawane der Menschlichkeit“ finanzierten Schule im Schichtbetrieb, mit über hundert Kindern am Tag. Bis zu 60 Kinder befanden sich in zwei winzigen Räumen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so groß war die Konzentration der Teilnehmenden, nicht etwa, weil Ruhe eingefordert worden wäre, die geradezu magische Stille entstand durch die Begeisterung am Malen ganz von selbst.                                                                                                                                                                               Nach einer Woche und einer zweitägigen Pause wegen der Wahlen im Libanon, während der wir unsere Unterkunft aus Sicherheitsgründen nicht verlassen sollten, begann unsere Arbeit in Waisenhäusern und Flüchtlingscamps, zur syrischen Grenze hin. Jeden Tag besuchten wir in Begleitung der NGO „ISWA“ und der „Karawane der Menschlichkeit“ wechselnd Einrichtungen und malten mit unzählig vielen Kindern. Die Küchen in den Unterkünften glichen kleinen Laboren, in denen wir täglich Farben aus Pigmenten, Gummiarabicum, Wasser und Honig herstellten. Immer waren auch die „Clowns ohne Grenzen“ mit dabei, die während wir den Malraum aufbauten, eine Show veranstalteten und während wir malten, im nächsten Camp auftraten.                                                 Besonders berührend war die aussichtslose Lage der Kinder in den Bergen nahe der Grenze zu Syrien, hier stecken Familien fest und können weder vor noch zurück. In Richtung Beirut versperren munzählige Militärcheckpoints der Hisbollah das Weiterkommen und nach Syrien, dem Herkunftsland der meisten Vertriebenen, gibt es keinen Zugang. Viele Kinder sind dort geboren und werden vielleicht nie etwas anderes sehen als die unerbittlichen Berge und die tristen Camps. Hier ist es im Sommer extrem heiß, im Winter erfrieren oft Menschen, besonders kleine Kinder. Ein Lichtblick in diesen von der Welt vergessenen Camps sind die Heizöllieferungen der „Karawane der Menschlichkeit“, die vielen das Überleben ermöglicht. Das gesamte Malraumequipment wurde an zwei Orten hinterlassen, wo der „Mobile Malraum“ hoffentlich noch immer fortgeführt wird.

Irak 2023

Diesmal war unsere Vorbereitung routiniert, der Vorsprung relativierte sich jedoch durch die schwierigen Einfuhrbedingungen in den Irak. Dank der uns unterstützenden Luftfrachtfirma „Quick Cargo“, die den Transport ohne Aufschlag abwickelte, kam die Malraum-Kiste zwar wohlbehalten in Erbil an, aber am Flughafen harrten wir in zähen Verhandlungen geschlagene 14 Stunden aus, die lange Wartezeit verzögerte die Herausgabe der Luftfracht ins Ungewisse. Über die Bedeutung der Verzögerung blieben wir im Unklaren und die ohnehin schwierige nächtliche Fahrt in das 150 km entfernte Dohuk war fragwürdig.                                                                                               Doch wir kamen schließlich an. Täglich malten wir in rieseigen Flüchtlingscamps und zahllosen Waisenhäusern. Unser Team, Ivana Pinna, Thomas Keis, Anja Kocher und ich, wurde ständig von den Mitarbeiter*innen der NGO „JINDA“ begleitet, die sich insbesondere um die vom IS Verschleppten, schwerst traumatisierte Frauen und Kinder kümmert. Wir malten in jesidischen Camps und Waisenhäusern an den Grenzen zu Syrien, Türkei und Iran. Dank der vorab therapeutisch geschulten Dozent*innen gelang unsere Arbeit. Insgesamt stellten sich uns religiöse, kulturelle und menschliche Hürden kaum in den Weg, da alle Beteiligten durch viele Gespräche vorbereitet waren. Wir brachten Offenheit mit und die Bereitschaft, auf unvorhersehbare Situationen sensibel einzugehen.

Die Aktion im Irak wurde durch Sach- und Geldspenden finanziert. Anders als im Libanon konnte sehr viel Künstlermaterial, u.a. 200 kg liquide Farben, per LKW mit den Hilfsgütern der „Karawane der Menschlichkeit“ eingeführt werden. Dadurch war es möglich, an fünf Orten reichlich Material für die Weiterführung des Malraums zu hinterlassen.

Die „Karawane der Menschlichkeit“ führt weltweit Hilfsprojekte durch. Wir werden wieder dabei sein. Wir malten mit mehr als 1500 Kindern und unsere Hoffnung ist groß, dass die Farben, die wir den Kindern bringen, etwas Leuchtkraft und Glück in ihren Herzen hinterlassen.


 


 


 


 

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